Ein Pappkarton und ein Atomfass treffen sich im Centro auf der Promenade. „Machst du Wahlkampf?“ fragt das Atomfass. „Ja“, antwortet der Karton. „Aber der Bully ist noch im Parkhaus.“
Was sich anhört wie eine der vielen „Zwei Elefanten auf dem Strommast“- Geschichten aus der Antiwitz-Ära der frühen Neunziger, ist für den Oberhausener Konsumtempel am 17.04.2010 zur ernüchternden Realität geworden. Eine Pappschachtel mit der Aufschrift „Verstecken bringt nichts!“ kriegt auf einmal Beine, setzt sich in Bewegung und rennt den Leuten hinterher. Das knallgelbe Atomfass verfällt ebenfalls in einen stummen Protest und hält beleidigt ein Schildchen in den Händen: „Keiner will mich!“
Die Centro-Besucher: Natürlich ratlos.
Aber so ist das jetzt, und wir haben’s gezeigt. Im elften Jahr des neuen Jahrtausends interessieren die Neunziger schon lange nicht mehr, aber die schlechten Witze, sowohl aus dieser als auch aus anderen Zeiten, sind leider schon längst Realität.
Was mit „schlechten Witzen“ gemeint ist? Dass wir fast zwanzig Jahre nach den menschenverachtenden Hetzkampagnen diverser Rechtsparteien, die unmittelbar nach der Wende aus dem Boden geschossen kamen, den Menschen immer noch sagen müssen, dass die NPD nicht so dolle ist.
Dass in unserem Land, in dem das Dichten und das Denken quasi erfunden wurde, das Bildungssystem mittlerweile nicht nur marode ist, sondern wir auch noch darauf aufmerksam machen müssen.
Und, um noch mal auf unser Atomfass zurückzukommen: Atomkraft ist in einer Zeit groß geworden, in der noch das Rauchen als schick, charakterbildend und als gar noch soooo ungesund galt. Nichtraucherpläne hat die Regierung noch und nöcher. Aber was ist mit dem Atomausstieg?
Merkste watt?
Mit trippelnden Beinchen, die aus dem bodenlosen Fass und dem Karton ohne Boden herausschauten, zogen wir von der Promenade in die Mall und machten da fröhlich weiter, bis dann eine wirklich bodenlose Sache kam, und zwar die Reaktion der Security: „RAUS!“
Totalrauswurf vom Gelände, ganz originell mit sofort raus zum Hinterausgang inklusive Eskorte bis zum Parkhaus, damit die auch ja sicher gehen konnten, dass wir auch wirklich wieder mit unserem Bully abziehen.
Was uns nur wundert, ist die Tatsache, dass die uns so lange auf ihrem Grundstück geduldet haben. Fast eine Stunde konnten wir uns austoben, unsere Giveaways verteilen und mit Jungesellinnenabschiedshorden schnacken.
Ein Lichtblick: Die Jugend. Denn die Kids waren es, denen unsere Aktion am meisten gefallen hat. Das Atomfass durfte für Fotos posieren und der wandelnde Karton erntete wohlgesonnenes Schulterklopfen des jungen Publikums. Die Leute setzten sich dabei nicht nur aus vielen Altersschichten, sondern auch aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammen. Falls das hier jemand von euch Fotografen liest, dann schickt uns bitte die Bilder zu. Die zeigen wir dann den Leuten von ProNRW, damit auch die mal mitkriegen, was wirklich abgeht.
