Offener Brief an den Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Landtag NRW
Lieber Reiner,
mit Erstaunen und auch mit Verärgerung haben wir Deine Äußerungen zum früheren Ladenschluss in Nordrhein-Westfalen zur Kenntnis genommen.
Wir möchten Deinen Vorstoß nicht in Gänze kritisieren. Es gibt viele gute Gründe dafür, Öffnungszeiten zu beschränken. Insbesondere der Schutz der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sei hier genannt.
Da es innerhalb der Grünen Jugend und der Grünen Partei sicherlich unterschiedliche Auffassungen hierzu gibt, kann Dein Vorstoß eine fruchtbare innerparteiliche Debatte entfachen, an der wir uns gerne beteiligen möchten.
Gegenstand unseres Briefes ist Deine Begründung. Die Behauptung, es gäbe ein Problem mit Alkoholverkauf, insbesondere an Jugendliche, wollen wir so nicht stehen lassen.
Alkoholmissbrauch ist ein Problem aller Altersklassen. Sich hier auf Jugendliche zu beschränken, ist pauschalisierend und falsch.
Wir erleben immer wieder Äußerungen aus allen politischen Lagern, die Jugendliche als Problemgruppe abstempeln wollen. Hier sei als Beispiel die immer wieder aufkeimende Killerspiel-Debatte genannt. Die Grüne Jugend und die Grüne Partei haben sich diesen vorschnellen Verurteilungen ganz bewusst nie angeschlossen. Wir sehen Jugendliche als wichtigen Teil unserer Gesellschaft, dem im politischen Diskurs mehr differenzierte Betrachtung zuteil werden muss.
Klar ist, dass Verbote an einigen Stellen nicht zu vermeiden sind. Und hier gibt es ja bereits ausreichende Regelungen. Das Jugendschutzgesetz regelt die Abgabe von Alkohol an Jugendliche sehr strikt. Wir müssen uns also eher die Frage stellen, warum bereits vorhandenes Recht offensichtlich vielerorts nicht greift.
Einschränkungen und Verbote dürfen immer nur der letzte Ausweg sein, da sie ein Problem nicht lösen, sondern nur verdrängen. Wir halten für naiv zu glauben, dass früherer Ladenschluss Jugendliche vom Alkoholmissbrauch abhalten würde. Wer Alkohol möchte, bekommt ihn auch wenn nicht nach 22 Uhr, dann eben früher.
Unser Ansatz war und ist die Prävention. Wer Kinder und Jugendliche zu vernünftigem, maßvollen Umgang mit Alkohol erziehen möchte, muss früh über Gefahren und Risiken aufklären.
Eine Gesellschaft, die ihre Kinder zu selbstbewussten aufgeklärten BürgerInnen erzieht, die begreifen, dass regelmäßiger übermäßiger Alkoholgenuss nicht zur Aufwertung des Egos beiträgt sondern ganz im Gegenteil zu gesellschaftlichem Abstieg und schweren gesundheitlichen Schäden, wird die von Dir beschriebenen Probleme niemals haben.
Eine Gesellschaft jedoch, die immer mehr Verbote ausspricht, hat vor diesen Problemen bereits kapituliert.
Wir hoffen, dass wir Dich mit diesem Brief zum Nachdenken bringen konnten. Gerne möchten wir mit Dir und der gesamten Landtagsfraktion über dieses und auch über andere für Jugendliche relevante Themen intensiver diskutieren. Dazu haben wir ja bereits ein Treffen des Landesvorstands der GRÜNEN JUGEND mit der neuen Fraktion geplant, welches wir bald in die Tat umsetzen sollten.
Bis dahin verbleiben wir mit stacheligen grünen Grüßen,
Dein Landesvorstand der GRÜNEN JUGEND NRW
Marie Dazert
Eike Block
Nora Hippchen
Alexander Ringbeck
Raoul Roßbach
Enno Wiesner
Kerstin Spieker
Sophie Karow